Dachau - Oradour Sur Glane

Radeln für die Versöhnung
Was gibt es für einen Grund für die Soli Dachau sich auf das Rennrad zu schwingen, um 1200 Kilometer von Dachau in die Mitte Frankreichs, nach Oradour-sur-Glane zu radeln. Nun da war zuerst die etwas spleenig anmutende Idee, geboren nach dem Dachauer Bergkriterium 2013. Auf Einladung von Soli Vorstand Wolfgang Moll, waren die beiden Radidole der sechziger Jahre, Raimond Polidour und Rolf Wolfshol, zusammen mit Vertretern aus Oradour nach Dachau gekommen. Den meisten sagte bis dahin der Name Oradour nicht viel. Daß die Stadt Dachau mit dem früheren OB Peter Bürgel schon seit 2009 regelmäßigen Kontakt mit dem kleinen Ort im Limosin pflegte war den meisten wohl entgangen.

Nun ist Oradour nicht irgendein Ort in Frankreich, nein er steht als Sinnbild für das Leid das die Nazis und ihre SS-Schergen während ihrer Schreckensherrschaft über ganz Europa gebracht haben. 642 Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder wurden in dem verschlafenen Ort am 10. Juni 1944 auf bestialische Weise ermordet, verstümmelt - massakriert.

Aus der Idee wurde für Wolfgang Moll bald ein Projekt das er hartnäckig weiterverfolgte um es zusammen mit seinen Soli Freunden in die Tat umzusetzen. Dass dies eine nicht einfache Mission werden würde war allen klar. Dachau und Oradour, zwei Städte die für das Grauen des Terrors stehen. Deutsche und Franzosen Hand in Hand in Oradour, das war bis vor ein paar Jahren undenkbar. Doch sie bekamen Rückendeckung und Unterstützung, zum einen von der Stadt Dachau zum anderen von der Kulturstiftung des Bundes.

Am 10. Juni 2014 jährte sich das Massaker zum 70. Male, da wollten die Dachauer Radler mit dabei sein. Mit dabei sein um ein Zeichen zu setzen, für Versöhnung und Freundschaft. Dass sieben Radler aus Oradour nach Dachau kamen um sich gemeinsam mit den Solis auf den Weg machen - das war wie eine ausgestreckte Hand die es zu greifen galt. Im Laufe der Tage, hatte man ja genügend Zeit während des Radelns zu diskutieren und sich zu informieren, da wurde jedem Einzelnen bewusst, dass man zu einer speziellen Mission aufgebrochen war.

Doch am Anfang dieser so denkwürdigen Tour waren es ganz andere Dinge die den Tag bestimmten. Da waren Tagesetappen bis zu 200 Kilometer zu bewältigen, da galt es die Höhen der Schwäbischen Alb, des Schwarzwalds und der Vogesen zu überwinden. Hinzu kam dass, speziell auf den Bergetappen, immer wieder Gewitterschauer über die Sportler herabprasselten. Die sportliche Herausforderung stand am Anfang an vorderster Stelle. Jeder wollte die komplette Strecke bewältigen. Dabei ging es nicht darum einen Tagessieg zu erringen – daß alle wohlbehalten in Oradour ankommen, das war das Ziel. Trotz der sprachlichen Barrieren entwickelte sich in den Tagen zwischen den Sportlern ein vertrautes Verhältnis, in einigen Fällen wohl Beginn einer Freundschaft.

Auf der Rheinbrücke zwischen Kehl und Straßburg wurden wir von den Bürgermeistern der beiden Städte sowie von zahlreichen Radsportlern und Schaulustigen in Empfang genommen. Das Medieninteresse hatte einen ersten Höhepunkt erreicht. Auch die acht Radler die uns auf unserer weiteren Fahrt begleiten wollten, waren zu uns gestoßen. Das Peleton war damit auf fast fünfzig angewachsen.

Zu der guten Stimmung die im Team herrschte hat mit Sicherheit das Serviceteam der Soli mit Mark Jantjies (Radsport Jako) und seinen „Schraubern“ Peru und Hans Joachim beigetragen. Sie haben den Ford Transit, den die Volksbank Raiffeisenbank Dachau freundlicherweise für diese Fahrt zur Verfügung gestellt hatte, vollgepackt mit Laufrädern Ersatzteilen und Werkzeug um jeden der Radler bei einer Panne schnellstmöglich wieder auf die Piste schicken zu können.

Das Highlight für alle Radfahrer war die professionelle Betreuung seitens des französischen Organisators, das die Freunde von Raimond Polidour für diesen Event organisiert hatten. Neben einem Vorausfahrzeug sorgten vier Tour de France erprobte Motorradfahrer dafür daß es keine rote Ampel und kein Stoppschild zu beachten gab und daß in den vielen Einmündungen und Kreisverkehren freie Fahrt herrschte. Doch nicht nur für die Sicherheit sorgten sie, auch das leibliche Wohl der Radfahrer hatte erste Priorität. So hielten sie bei jeder Pause Getränke, Kuchen Schokolade und Obst zur Stärkung bereit, und für die Mittagspausen hatten sie stets interessante landestypische Orte ausgesucht, welche den Radlern die kulturelle Vielfalt des Landes nahe bringen sollte.

Eine Erfahrung welche die Radler wohl nie vergessen werden, ist der freundliche Umgang der Franzosen mit dem Radsport. Nun sind sechzig Radfahrer auch bei professionellster Betreuung nicht gerade eine Bereicherung für den fließenden Verkehr, doch wer da denkt daß da jemand seinen Unmut darüber geäußert hätte, hat weit gefehlt. Genau das Gegenteil war der Fall. Aufmunternde Rufe aus vorbeifahrenden Autos und rhythmisches Hupen begleitete uns von der Grenze bis Oradour und bei jeder Ortsdurchfahrt gab es spontan Beifall und erfreute Rufe die anspornten und uns für unsere Mühen belohnten.

Zehn Kilometer vor dem Ziel wurden wir von den Bürgermeistern von Dachau und Oradour, Florian Hartmann und Philippe Lacroix zusammen mit zahlreichen Kindern in Empfang genommen um gemeinsam mit uns die letzten Meter bis Oradour zu radeln. Nach sieben Tagen ging am Eingang zum Dorf der Märtyrer die Fahrt mit einer Schweigeminute zu Ende.

Das Ziel war erreicht, alle Sportler auch die fünf Frauen im Fahrerfeld haben die sieben Etappen gesund und glücklich überstanden. Chapeau für Wolfgang Moll, der trotz unzureichender Vorbereitung jeden Meter der fast 1200 Kilometer mitgeradelt ist. Chapeau auch für die Leistung des 75 jährigen Rolf Wolfshol, auch er war auf der kompletten Strecke mit dabei.

An den folgenden beiden Tagen konnten wir eine Gastfreundschaft erleben die den Einen oder Anderen wohl eher betroffen machte. Nie hätten wir erwartet so herzlich und so frei von jeglichen Vorurteilen in Empfang genommen zu werden. Am 10. Juni, am 70. Jahrestag des Massakers, waren es speziell die ältere Herrschaften, die beim Gedenkgottesdienst in der neuen Kirche von Oradour  auf uns zugingen und mit einem freundlichen Händedruck alle Vorurteile beiseite schoben.
Ne jamais plus – Nie wieder.


Heute stand der erste Tag ohne (!) Regen an. Dies hob natürlich die gesamte Stimmung merklich, obgleich die Strecke zwar mit 119 km vergleichsweise kürzer, jedoch miteinigen giftigen Steigungen versehen war, sodass man auch einigermaßen gefordert worden ist.

Es ist sehr beeindruckend, wie örtliche Kommunen und Sportvereine sich um die Verpflegung der Fahrer und Begleiter von dem „Projekt“ bemühten.

Eine tolle Geste war auch, wie das frühere Radsportidol aus Frankreich - Lothringen, André Wilhelm, den uns (radfahrend!) begleitenden Rolf Wolfshohl (3 x Weltmeister Radcross / 9 x Teilnehmer Tour de France) mit seinem Fotoalbum überraschte.

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Am Mittwoch, den 04.06.2014, stand die 3. Etappe von Strasbourg nach Nancy über 159 km an. Die vierköpfige Motorstaffel und weitere vier Begleitfahrzeug sorgten von Beginn an auf französischen Boden für „freie Fahrt“, wo auch immer sich das Fahrerfeld begab.

Der gesamte Tross an Radfahrern (44 Fahrinnen und Fahrer) samt 8 Begleiter und Helfer aus Dachau sowie 13 Begleiter und Helfer aus Oradour ist zwischenzeitlich auf 65 Personen angewachsen. Bei jeder Ortsdurchfahrt sorgt die Initiative „Radtouristikfahrt im Sinne der Freundschaft und Versöhnung“ für entsprechendes Aufsehen.




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Die Organisation auf französischer Seite gab sich mit der ausgearbeiteten Streckenführung äußerste Mühe, sodass der gesamten Gruppe die Regionen näher gebracht werden konnten.

Leider mussten sich die Radler auch an diesem Tag knapp drei Stunden durch einen Landregen kämpfen. Um so bemerkenswerter, dass alle, wenn auch mehr oder weniger erschöpft, unfallfrei am Etappenort in der Nähe von Nancy ankamen.

Ein Lob auch an das dreiköpfige Mechanikerteam, das bei den widrigen Witterungsbedingungen so manchen Platten in „Tour de France – Manier“ in Sekundenschnelle behoben haben und den leidtragenden Fahrer wieder an das Feld heranführten.


Mit besten Grüßen aus Frankreich die Berichterstattung von der 2. Etappe von St. Johann Lonsingen nach Strasbourg:

Bei gerade Mal 6 Grad über dem Gefrierpunkt ging es bereits um 7.00 Uhr früh los. Dies war erforderlich, um pünktlich zum geplanten Empfang in Strasbourg um 17.00 Uhr anzukommen.
Nach der langen Abfahrt von der Schwäbischen Alb ging es rein in den Schwarzwald. Leider spielte auch dieses Mal das Wetter nicht mit, die Gruppe wurde von dem ein oder anderen Regenschauer erfasst. Da kam dann die Mittagspause nach einem längeren Anstieg nach Freudenstadt gerade recht.

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Regentour durch den Schwarzwald


Nach weiteren sportlichen Herausforderungen, zunächst der Pass nach Ruhestein hinauf und schließlich eine rasante Abfahrt von über 30 km ins Rheintal lachte auch wieder die Sonne.

Pünktlich um kurz vor 17.00 Uhr erreichten wir Kehl, die Grenzstadt vor Straßburg.
Dort erwartete uns ein Empfang auf der Europabrücke durch

·         Herrn Toni Vetrano (Bürgermeister von Kehl)
·         Frau Nawel Rafik Elmrini (stellv. Bürgermeisterin von Strasbourg)
·         Weitere 8 Radsportler, die uns fortan begleiten
·         zahlreiche Interessierte
·         Medienvertreter (Presse, Radio, Fernsehen)

20140603 Oradour1Als ergreifendes Symbol wurde von den Radsportlern 
auf der Europabrücke untenstehende Plakette mit zwei Schlössern angekettet, wovon einen Schlüssel die Bürgermeisterin von Strasbourg und den anderen der Bürgermeister von Kehl ausgehändigt bekommen hat. 

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Von der Grenze an wurde der Tross an Radfahrern von der „Fahrradpolizei der Stadt Straßbourg“ durch die Stadt eskortiert:

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Die Strapazen des Tages waren spätestens vergessen, als die gesamte, inklusive Begleitung nunmehr über 50 Personen umfassende Delegation französischer und deutscher Radsportfreunde am Abend durch den Bürgermeister Colonel Aziz Meliani im Strasbourger Rathaus zu einem festlichen Abendessen eingeladen wurde und sich die Verantwortlichen von Oradour und von Dachau ins Goldene Buch der Stadt Straßburg eintrugen.
                                                                   
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Im Rathaus von Strasbourg